Die Fußball-WM 2026 ist gerade erst zu Ende gegangen. Dies gibt Anlass, auf die Zusammenhänge zwischen Kriminalität und diesem Sport zu schauen.
Untersuchungen aus Belgien warfen einen Blick auf die Erfahrungen und Wahrnehmungen von Manipulationen von Sportereignissen im Amateurbereich, unter anderem Fußballspielen, und darauf, wie diese sich auf die moralischen Wahrnehmungen der Beteiligten auswirken (Van der Hoeven et al., 2019). Nur sehr wenige der Befragten äußerten Erfahrungen mit Spielmanipulation. Diejenigen mit Erfahrung gaben an, deutlich häufiger an nicht mit Wetten zusammenhängenden Manipulationen, beispielsweise der Umgehung eines Abstiegs durch Absprachen mit Teams und Spielern, beteiligt oder dabei gewesen zu sein. Moralische Bedenken traten bei dieser Form weniger auf, da in der Bewertung eher die „freundliche Geste“ gegenüber den Teams, als ethische Probleme im Vordergrund stand. Als wichtigstes Motiv stellte sich die Vermeidung eines Abstiegs heraus, und in den meisten Fällen war dies verbunden mit Geld oder materiellen Vorteilen.
In Brasilien untersuchte eine Studie Eigentumsdelikte in Verbindung mit 456 Heimspielen von drei Profimannschaften (Ge et al., 2021). Die Ergebnisse zeigen einen unverhältnismäßigen Anstieg der Eigentumsdelikte nach Heimspielen in der Nähe des Stadions. Täter scheinen dabei deutlich, wenn auch unterschiedlich, auf unerwartete und/oder hohe Niederlagen zu reagieren. Während Täter, die Raub begehen, potenziell aus dem Affekt reagieren, scheinen Autodiebe dennoch aus rationalen Motiven zu handeln, indem sie beliebte, auf dem Schwarzmarkt für ihre Teile gefragte Automodelle auswählen.
Doch rund um den Fußball kommt es auch immer wieder zu Gewalttaten. Forschende des ifo Instituts untersuchten den Zusammenhang zwischen der Anzahl der erfassten Gewaltdelikte den Spieltagen in den höchsten Profiligen Deutschlands zwischen 2011 und 2014 (Andres et al., 2022). Die Ergebnisse zeigen, dass die Anzahl der Gewaltdelikte an Spieltagen im Vergleich zu denselben Wochentagen ohne Spiel um 21,5 % steigt. Dabei stehen 8 % der Delikte im Zusammenhang mit den Fußballspielen.
Eine mögliche Erklärung bietet die „Social-Identity-Theory“. Sie stellt die soziale Identität in den Mittelpunkt, also den Teil des Selbstkonzeptes von Personen, der durch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe und die Bewertungen dieser Gruppe bestimmt wird (Tajfel & Turner, 2004). Zentral ist dabei, dass jeder Mensch nach einer positiven Selbsteinschätzung strebt, und diese kann zum Teil über Gruppenzugehörigkeit entstehen. Über den Vergleich in relevanten Kategorien ergibt sich die Bewertung der eigenen Gruppe gegenüber anderen Fremdgruppen. Für den Anwendungsbereich Fußball bedeutet das, Zugehörigkeit zu einem Verein und dessen Fan-Lager kann einen großen Teil dr sozialen Identität darstellen. Der Vergleich mit Fremdgruppen (anderen Teams/Fanlagern) findet über deren Leistung statt. Schneidet das eigene Team schlechter ab als andere, verliert die Gruppe an Wert, und darunter leidet die Selbsteinschätzung. Ist dies der Fall, sind Strategien notwendig, um auf alternativen Wegen die Bewertung der Eigengruppe aufzubessern, beispielsweise über den Vergleich zu anderen Gruppen (der HSV wird nicht mehr mit dem FC Bayern verglichen, sondern mit dem SV Elversberg). Eine alternative Umgangsform stellt aber auch Gewalt dar. In der Studie des ifo Instituts (Andres et al., 2022) spricht für diese Theorie, dass junge Männer besonders häufig als Beteiligte auftreten und diese soziale Gruppe in Befragungen angab, der Anerkennung für Mitglieder einer Fangruppe die höchste Bedeutung zukommen zu lassen (Spaaij 2008). Hinzu kommt, dass die Gewaltdeliktquote an Spieltagen mit Derbys steigt. Beim Aufeinandertreffen von Stadtrivalen oder den Teams nahe beieinander liegender Orte intensivieren sich die Einordnungen und Zugehörigkeitsgefühle. Dies entsteht durch die verstärkte Wahrnehmung potenzieller Gefahren durch die Fremdgruppe (Mondello 2016).
Darüber hinaus spricht der Soziologe und Kriminologe Ian Taylor von einer Vielzahl an Faktoren, die bei der Entstehung von Jugendgewalt bei Fußballspielen einwirken (Taylor et al., 1975). Seine Erklärung beinhaltete, dass dieses delinquente Verhalten als Reaktion auf die Kommerzialisierung von Sport und Freizeit sowie das Wachstum der Popkultur zu verstehen ist. Die Freizeitaktivitäten von Männern der Arbeiterklasse konzentrierten sich seit der Gründung örtlicher Fußballvereine und der Football League auf den Fußball. Durch die räumliche Nähe und die vielfältigen Beteiligungsformen, die mit dem Sport einhergingen, entstanden starke Identifikationen der Gemeinden mit den Vereinen. Doch die durch Professionalisierung und Kommerzialisierung angestoßenen Veränderungen schädigten diese Bindung. Aus einem Zugehörigkeitsgefühl zu Verein und Mannschaft entwickelte sich Fremdheit, da sich der professionelle Fußball von den Werten der Arbeiterklasse und den lokalen Kulturen löste. Taylor sah in der Gewalt der Jugendlichen, die zu den Spielen gingen, eine Art Trotz- und Frustreaktion. Durch die Entwicklungen wurden sie zu Außenstehenden, ausgeschlossen vom Wohlstand ihres Vereins. Anhänger anderer Vereine wurden zu Zielscheiben, und Gewalt wurde zum Mittel, um Kontrolle über die eigene Mannschaft zurückzuerlangen. Die Bezeichnung als Hooligans durch Polizei und Medien sieht Taylor ebenfalls als kontraproduktiv, denn sie stärke nur die abweichende Identität und das Gewaltverhalten bei Fußballspielen.
Literatur
Andres, L., Fabel, M. & Rainer, H. (2022). Wie Viel Gewalt Verursacht Der Profifußball in Deutschland? Ifo Schnelldienst, 75(2), 24–27. https://www.ifo.de/publikationen/2022/aufsatz-zeitschrift/wie-viel-gewalt-verursacht-der-profifussball-deutschland
Ge, Q., Barbieri, I. S. & Schneider, R. (2021). Sporting Events, Emotional Cues, and Crime: Spatial and Temporal Evidence from Brazilian Soccer Games. Economic Inquiry, 59(1), 375–395. https://doi.org/10.1111/ecin.12950
Mondello, J. (2016). Hooliganism and Supporter Violence: Examining the Rome, Lisbon and Athens Derbies. CMC Senior Theses, 1343. https://scholarship.claremont.edu/cmc_theses/1343
Scott, J. (2023) Britische Soziologie. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-031-22103-3
Spaaij, R. (2008). Men like us, boys like them: Violence, masculinity, and collective identity in football hooliganism. Journal of Sport & Social Issues, 32(4), 369–92. https://doi.org/10.1177/0193723508324082
Tajfel, H. & Turner, J. C. (2004). The Social Identity Theory of Intergroup Behavior. In J. T. Jost & J. Sidanius (Hrsg.) Political Psychology. https://doi.org/10.4324/9780203505984-16
Van Der Hoeven, S., De Waegeneer, E., Constandt, B. und Willem, A. (2020). Match-fixing: Moral challenges for those involved. Ethics & Behavior, 30(6), 425–443. https://doi.org/10.1080/10508422.2019.1667238
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