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Zentrum für Kriminologische Forschung Sachsen

Fact of the month

Unter dem Titel Fact of the Month greifen wir ausgewählte Themen aus den Bereichen Kriminalität, Sicherheit und Gesellschaft auf und bereiten zentrale Erkenntnisse wissenschaftlich fundiert auf.
Auf dieser Seite finden Sie ausführlichere Hintergrundbeiträge mit zusätzlichen Informationen, Einordnungen und weiterführenden Quellen zu den einzelnen Themen.

Fact of the Month: August 2026

Fact of the Month: Juli 2026

Fact of the Month: Mai 2026

Fact of the Month: April 2026

Fact of the Month: März 2026

Fact of the Month: Februar 2026

Fact of the Month: Dezember 2025

Fact of the Month: August 2026

Die Fußball-WM 2026 ist gerade erst zu Ende gegangen. Dies gibt Anlass, auf die Zusammenhänge zwischen Kriminalität und diesem Sport zu schauen.

Untersuchungen aus Belgien warfen einen Blick auf die Erfahrungen und Wahrnehmungen von Manipulationen von Sportereignissen im Amateurbereich, unter anderem Fußballspielen, und darauf, wie diese sich auf die moralischen Wahrnehmungen der Beteiligten auswirken (Van der Hoeven et al., 2019). Nur sehr wenige der Befragten äußerten Erfahrungen mit Spielmanipulation. Diejenigen mit Erfahrung gaben an, deutlich häufiger an nicht mit Wetten zusammenhängenden Manipulationen, beispielsweise der Umgehung eines Abstiegs durch Absprachen mit Teams und Spielern, beteiligt oder dabei gewesen zu sein. Moralische Bedenken traten bei dieser Form weniger auf, da in der Bewertung eher die „freundliche Geste“ gegenüber den Teams, als ethische Probleme im Vordergrund stand. Als wichtigstes Motiv stellte sich die Vermeidung eines Abstiegs heraus, und in den meisten Fällen war dies verbunden mit Geld oder materiellen Vorteilen.

In Brasilien untersuchte eine Studie Eigentumsdelikte in Verbindung mit 456 Heimspielen von drei Profimannschaften (Ge et al., 2021). Die Ergebnisse zeigen einen unverhältnismäßigen Anstieg der Eigentumsdelikte nach Heimspielen in der Nähe des Stadions. Täter scheinen dabei deutlich, wenn auch unterschiedlich, auf unerwartete und/oder hohe Niederlagen zu reagieren. Während Täter, die Raub begehen, potenziell aus dem Affekt reagieren, scheinen Autodiebe dennoch aus rationalen Motiven zu handeln, indem sie beliebte, auf dem Schwarzmarkt für ihre Teile gefragte Automodelle auswählen.

Doch rund um den Fußball kommt es auch immer wieder zu Gewalttaten. Forschende des ifo Instituts untersuchten den Zusammenhang zwischen der Anzahl der erfassten Gewaltdelikte den Spieltagen in den höchsten Profiligen Deutschlands zwischen 2011 und 2014 (Andres et al., 2022). Die Ergebnisse zeigen, dass die Anzahl der Gewaltdelikte an Spieltagen im Vergleich zu denselben Wochentagen ohne Spiel um 21,5 % steigt. Dabei stehen 8 % der Delikte im Zusammenhang mit den Fußballspielen.

Eine mögliche Erklärung bietet die „Social-Identity-Theory“. Sie stellt die soziale Identität in den Mittelpunkt, also den Teil des Selbstkonzeptes von Personen, der durch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe und die Bewertungen dieser Gruppe bestimmt wird (Tajfel & Turner, 2004). Zentral ist dabei, dass jeder Mensch nach einer positiven Selbsteinschätzung strebt, und diese kann zum Teil über Gruppenzugehörigkeit entstehen. Über den Vergleich in relevanten Kategorien ergibt sich die Bewertung der eigenen Gruppe gegenüber anderen Fremdgruppen. Für den Anwendungsbereich Fußball bedeutet das, Zugehörigkeit zu einem Verein und dessen Fan-Lager kann einen großen Teil dr sozialen Identität darstellen. Der Vergleich mit Fremdgruppen (anderen Teams/Fanlagern) findet über deren Leistung statt. Schneidet das eigene Team schlechter ab als andere, verliert die Gruppe an Wert, und darunter leidet die Selbsteinschätzung. Ist dies der Fall, sind Strategien notwendig, um auf alternativen Wegen die Bewertung der Eigengruppe aufzubessern, beispielsweise über den Vergleich zu anderen Gruppen (der HSV wird nicht mehr mit dem FC Bayern verglichen, sondern mit dem SV Elversberg). Eine alternative Umgangsform stellt aber auch Gewalt dar. In der Studie des ifo Instituts (Andres et al., 2022) spricht für diese Theorie, dass junge Männer besonders häufig als Beteiligte auftreten und diese soziale Gruppe in Befragungen angab, der Anerkennung für Mitglieder einer Fangruppe die höchste Bedeutung zukommen zu lassen (Spaaij 2008). Hinzu kommt, dass die Gewaltdeliktquote an Spieltagen mit Derbys steigt. Beim Aufeinandertreffen von Stadtrivalen oder den Teams nahe beieinander liegender Orte intensivieren sich die Einordnungen und Zugehörigkeitsgefühle. Dies entsteht durch die verstärkte Wahrnehmung potenzieller Gefahren durch die Fremdgruppe (Mondello 2016).

Darüber hinaus spricht der Soziologe und Kriminologe Ian Taylor von einer Vielzahl an Faktoren, die bei der Entstehung von Jugendgewalt bei Fußballspielen einwirken (Taylor et al., 1975). Seine Erklärung beinhaltete, dass dieses delinquente Verhalten als Reaktion auf die Kommerzialisierung von Sport und Freizeit sowie das Wachstum der Popkultur zu verstehen ist. Die Freizeitaktivitäten von Männern der Arbeiterklasse konzentrierten sich seit der Gründung örtlicher Fußballvereine und der Football League auf den Fußball. Durch die räumliche Nähe und die vielfältigen Beteiligungsformen, die mit dem Sport einhergingen, entstanden starke Identifikationen der Gemeinden mit den Vereinen. Doch die durch Professionalisierung und Kommerzialisierung angestoßenen Veränderungen schädigten diese Bindung. Aus einem Zugehörigkeitsgefühl zu Verein und Mannschaft entwickelte sich Fremdheit, da sich der professionelle Fußball von den Werten der Arbeiterklasse und den lokalen Kulturen löste. Taylor sah in der Gewalt der Jugendlichen, die zu den Spielen gingen, eine Art Trotz- und Frustreaktion. Durch die Entwicklungen wurden sie zu Außenstehenden, ausgeschlossen vom Wohlstand ihres Vereins. Anhänger anderer Vereine wurden zu Zielscheiben, und Gewalt wurde zum Mittel, um Kontrolle über die eigene Mannschaft zurückzuerlangen. Die Bezeichnung als Hooligans durch Polizei und Medien sieht Taylor ebenfalls als kontraproduktiv, denn sie stärke nur die abweichende Identität und das Gewaltverhalten bei Fußballspielen.

Literatur

Andres, L., Fabel, M. & Rainer, H. (2022). Wie Viel Gewalt Verursacht Der Profifußball in Deutschland? Ifo Schnelldienst, 75(2), 24–27. https://www.ifo.de/publikationen/2022/aufsatz-zeitschrift/wie-viel-gewalt-verursacht-der-profifussball-deutschland

Ge, Q., Barbieri, I. S. & Schneider, R. (2021). Sporting Events, Emotional Cues, and Crime: Spatial and Temporal Evidence from Brazilian Soccer Games. Economic Inquiry, 59(1), 375–395. https://doi.org/10.1111/ecin.12950

Mondello, J. (2016). Hooliganism and Supporter Violence: Examining the Rome, Lisbon and Athens Derbies. CMC Senior Theses, 1343. https://scholarship.claremont.edu/cmc_theses/1343

Scott, J. (2023) Britische Soziologie. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-031-22103-3

Spaaij, R. (2008). Men like us, boys like them: Violence, masculinity, and collective identity in football hooliganism. Journal of Sport & Social Issues, 32(4), 369–92. https://doi.org/10.1177/0193723508324082

Tajfel, H. & Turner, J. C. (2004). The Social Identity Theory of Intergroup Behavior. In J. T. Jost & J. Sidanius (Hrsg.) Political Psychology. https://doi.org/10.4324/9780203505984-16

Van Der Hoeven, S., De Waegeneer, E., Constandt, B. und Willem, A. (2020). Match-fixing: Moral challenges for those involved. Ethics & Behavior, 30(6), 425–443. https://doi.org/10.1080/10508422.2019.1667238

Redaktionelle Verantwortung: Maximilian Schlotte & Nils Heimhuber

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Fact of the Month: Juli 2026

Polizeiliche Kriminalstatistik

In diesem Fact of the Month geht es um die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS): Was bildet sie eigentlich ab – und was nicht? Dieses Mal erklären wir das Thema in einem kurzen Video. Für alle, die lieber lesen möchten, finden Sie direkt darunter auch das vollständige Transkript.

Jedes Jahr veröffentlicht das Bundeskriminalamt die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) mit allen erfassten und zur Anzeige gebrachten Straftaten. Diese Zahlen bieten die Möglichkeit, die Entwicklung polizeilich registrierter Kriminalität zu verfolgen. Doch ist Vorsicht bei deren Interpretation geboten.

Was kann dargestellt werden?

Die PKS bildet nur das sogenannte Hellfeld der Kriminalität ab. Das Dunkelfeld, also alle Taten, die nicht polizeilich registriert werden, fließt nicht in die PKS ein, gilt aber als deutlich größer als das Hellfeld. Niemand weiß zwar, wie groß das tatsächliche absolute Dunkelfeld ist. Jedoch versuchen Dunkelfeldstudien, sich diesem anzunähern, indem sie Personen anonym zu bestimmten Delikten, Täterschaft und Viktimisierungserfahrungen befragen.

Die PKS kann also kein vollständiges Bild der Kriminalität abdecken, sondern nur einen Teil davon. Außerdem sagt sie nichts über Schuld und schlussendliche Urteile durch die Justiz aus, sondern spiegelt nur das Verdachtsmoment.

Welche Faktoren sollten berücksichtigt werden?

Hinzu kommt, dass sie stark abhängt vom Anzeigeverhalten der Bevölkerung, dem Kontrollverhalten der Polizei und der allgemeinen Aufmerksamkeit für bestimmte Delikte. Dabei besteht die Gefahr, dass Verzerrungen eintreten.

Wenn sich die Anzahl von Delikten oder Tatverdächtigen in der PKS ändert, muss man immer kritisch fragen: Wie kommt es dazu? Kontrolliert die Polizei beispielsweise aufgrund politischer Entscheidungen stärker den Verkehr auf zu schnelles Fahren, ist ein Anstieg in den Fallzahlen von Verkehrsdelikten zu erwarten und somit eine Verzerrung der Realität. Ein weiteres Beispiel sind Gesetzesänderungen, wie die Teillegalisierung von Cannabis 2024, die einen Einfluss darauf haben, ob ein bestimmtes Verhalten überhaupt strafbar ist.

Umgang mit den Daten

Diese Verzerrungen geben Anlass, sensibel mit den Daten der PKS umzugehen. Problematisch sind diese insbesondere dann, wenn durch die mediale Thematisierung der PKS Stereotype, Vorurteile und Diskriminierung gegenüber bestimmten Personen oder Gruppen entstehen und verstärkt werden.

Fazit

Zusammenfassend kann man sagen: Die PKS gibt einen Überblick über die polizeilich erfassten Straftaten, aber erlaubt keine Aussagen über das Ausmaß der Kriminalität, die zu großen Teilen unerkannt stattfindet.

Falls euch das Thema interessiert, gibt diese Quelle einen guten Einblick:

Weber, K., Wagner, D. & Asbrock, F. (2025). Beeinflusst die Polizeiliche Kriminalstatistik die Wahrnehmung von Sicherheit und Bedrohung durch Geflüchtete und Migrant*innen? Magazin des Fachnetzwerks Sozialpsychologie zu Flucht und Integration.

https://www.fachnetzflucht.de/wp-content/uploads/2025/02/Weber-Wagner-Asbrock-2025.pdf

Redaktionelle Verantwortung: Maximilian Schlotte, Nils Heimhuber, Clara Brunner, Prof. Dr. Frank Asbrock

 

 

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Fact of the Month: Mai 2026

 

 

Trans*feindliche Einstellungen in Deutschland

Trans* Personen sind in ihrem Alltag häufig dem Risiko ausgesetzt Opfer von Hasskriminalität, z.B. trans*feindlichen Beschimpfungen zu werden (Tagesschau, 2023). Transfeindliche Hasskriminalität beruht auf Vorurteilen gegen trans* Personen und ist mehr als ein individuelles Problem. Sie trifft nicht nur einzelne Betroffene, sondern sendet eine Botschaft an ganze soziale Gruppen – und kann Angst, Unsicherheit und Rückzug aus dem öffentlichen Leben verstärken. Dies zeigt sich auch an vermehrten aggressiven Protesten gegen die LGTBQIA+ Bewegung (CeMAS & democ, 2025). Dabei werden trans* Personen auch Ziel von politischen Anfeindungen und werden als Bedrohung dargestellt. Die politische Rhetorik und das damit verbundene Bild, das von trans* Personen gezeichnet wird, sind dabei nicht nur wegweisend für trans*feindliche Einstellungen, sondern könnten auch einen Einfluss auf Einstellungen zu trans*feindlicher Hasskriminalität sowie auf deren Verfolgung durch die Strafverfolgungsbehörden haben.

In einer Querschnittsstudie mit über 3.000 Befragten untersuchten Dr. Kristin Weber, Aileen Krumma, Anika Radewald, Rowenia Bender, Dr. Aaron Bielejewski und Dr. Deliah Wagner vom ZKFS, Einstellungen gegenüber trans* Personen, die Unterstützung der Strafverfolgung von trans*feindlicher Gewalt sowie Faktoren, die die Einstellungen dazu beeinflussen können.

Die Ergebnisse zeigen, dass insgesamt ein Großteil der befragten Personen die Strafverfolgung von trans*feindlicher Gewalt befürwortete. Aussagen zu trans*feindlichen Einstellungen wurden weder klar zugestimmt noch deutlich abgelehnt. Wichtige Zusammenhänge zeigten sich dabei mit:

  • Politische Orientierung
    Rechtsorientierung hängt deutlich mit stärkeren trans*feindlichen Einstellungen und geringerer Unterstützung der Strafverfolgung von trans*feindlicher Gewalt zusammen.
  • Kontakterfahrungen mit trans* Personen
    Bei positiven Kontakterfahrungen zeigten sich weniger, bei negativen Kontakterfahrungen mehr trans*feindliche Einstellungen.
  • Diversity-Beliefs
    Wer gesellschaftliche Vielfalt befürwortet und sie als etwas Positives für die Gesellschaft wahrnimmt, zeigt weniger trans*feindliche Einstellungen und unterstützt eher die Strafverfolgung von trans*feindlicher Gewalt.
  • Geschlecht
    Männer zeigten mehr trans*feindliche Einstellungen als Frauen.

 

Je mehr trans*feindliche Einstellungen, desto weniger stimmten Personen einem konsequenten polizeilichen Einschreiten bei Übergriffen zu. Zu beachten ist hierbei, dass es sich um korrelative Zusammenhänge handelt, die keine kausalen Nachweise liefern.

Es ist davon auszugehen, dass es nicht ausreicht, trans*feindliche Hasskriminalität allein durch stärkere Strafverfolgung und härtere Strafen zu bekämpfen. Wichtig erscheint darüber hinaus, trans*feindliche Einstellungen zu reduzieren und die damit verbundenen Risiken ernst zu nehmen. Dies könnte nicht nur die Unterstützung von Strafverfolgung gegen trans*feindliche Straftaten erhöhen, sondern auch gegen jegliche Form von vorurteilsbasierter Gewalt.

Quellen:

CeMAS & democ (2025, 21. Juli). Rechtsextreme Mobilisierung gegen CSDs: Eine Recherche von CeMAS und democ. CeMAS. https://cemas.io/blog/rechtsextreme-mobilisierung-gegen-csds-2025/

Tagesschau (2023, 11. Januar). Transfeindlichkeit als „Kulturkampf“. https://www.tagesschau.de/faktenfinder/kontext/transfeindlichkeit-101.html

Weber, K., Krumma, A., Radewald, A., Bender, R., Bielejewski, A. & Wagner, D. (2026). A Cross-sectional Study on Transphobia, Compassion, and Crime Perception in Germany. In B. Colliver, J. C. Healy, K. McBride & G. Gwenffrewi (Hrsg.), Contemporary Issues in Transphobic Hate and Prejudice: Transforming the Narrative (S. 142 – 161). Routlege. https://www.doi.org/http://doi.org/10.4324/9781003564928-11

Redaktionelle Verantwortung: Dr. Kristin Weber, Aileen Krumma, Anika Radewald, Rowenia Bender, Dr. Aaron Bielejewski, Dr. Deliah Wagner

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Fact of the Month: April 2026

Sexualisierte Gewalt: Was können und sollten wir wissen?

Sexualisierte Gewalt ist ein relevantes gesellschaftliches Problem. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS, 2024) zeigt, dass die registrierten Opferzahlen von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen sind. Dafür kommen verschiedene Erklärungen in Betracht:

  1. Eine gestiegene Anzeigebereitschaft von Betroffenen
  2. Gesetzesänderungen, die zu einer Ausweitung der erfassten Delikte führen (Insbesondere in den Jahren 2014 und 2021; siehe Abbildung 1)
  3. Eine tatsächliche Zunahme sexualisierter Gewalt

Abbildung 1. Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Daten aus der PKS 2024, Zeitreihentabelle „T91 Opfer bei Straftaten insgesamt“

Die in der PKS erfassten Fälle stellen jedoch nur die Spitze des Eisbergs dar und sind nicht geeignet, ein umfassendes Bild des tatsächlichen Ausmaßes zu zeichnen (Weber et al., 2025). Sie bilden das sogenannte Hellfeld ab, also die polizeilich registrierten Fälle. Die Erforschung des Dunkelfelds ist hingegen methodisch anspruchsvoll, da sie auf Befragungsdaten basiert, die ihrerseits selektiven Verzerrungen unterliegen. So können sich die Gründe für eine Nichtanzeige von Straftaten mit den Gründen überschneiden, warum Betroffene nicht an entsprechenden Studien teilnehmen oder Angaben verweigern.

Eine große repräsentative Studie des Bundeskriminalamts (LeSuBiA, Leitgöb-Guzy & Bieber, 2026) zeigt, dass nur ein geringer Anteil von Gewalttaten zur Anzeige gebracht wird. Sexuelle Übergriffe gegen Frauen werden demnach lediglich in etwa 3 % der Fälle angezeigt. Bei Männern liegt die Anzeigequote mit rund 14 % deutlich höher, allerdings sind sie insgesamt seltener von sexualisierter Gewalt betroffen. Was beachtet werden muss: Die Studie erfasst auch strafrechtlich nicht relevante Gewalt, was die Statistiken nicht eins zu eins vergleichbar mit der PKS macht.

Die Gründe für die niedrigen Anzeigequoten sind vielfältig. Die Täter:innen stammen häufig aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen. Scham- und Schuldgefühle, Abhängigkeitsverhältnisse (z. B. finanzieller oder emotionaler Art) sowie die Angst vor Eskalation oder vor negativen Konsequenzen für bestehende Beziehungen stellen weitere Hürden für eine Anzeige dar. Anzeigen erfolgen daher eher in schweren oder lebensbedrohlichen Fällen.

Personen, die selbst Gewalt erfahren (direkte Viktimisierung) oder in ihrem Umfeld davon hören (indirekte Viktimisierung), weisen häufig eine erhöhte Kriminalitätsfurcht auf. Dieser Zusammenhang ist bei sexuellem Missbrauch besonders ausgeprägt (Bolesta et al., 2022). Oft bleibt es auch nicht bei einer Einzelerfahrung: Betroffene erleben meist wiederholt Gewalt, teilweise auch in Form mehrerer Gewaltarten z.B. sexualisierte und psychische Gewalt (Leitgöb-Guzy & Bieber, 2026). Dies kann auch zur Folge haben, dass Personen mit direkter oder indirekter Viktimisierungserfahrung ein geringeres Vertrauen in Polizei und Justiz zeigen (Bender & Weber, 2023).

Quellen:

Bender, R. & Weber, K. (2023). Vorurteilskriminalität – Viktimisierung durch vorurteilsmotivierte Gewalt. In D. Bolesta, J. L. Führer, R. Bender, A. Bielejewski, A. Radewald, K. Weber & F. Asbrock (Hrsg.), Panel zur Wahrnehmung von Kriminalität und Straftäter:innen (PaWaKS): Zweite Berichtsserie. Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen e.V. Online verfügbar unter: https://www.zkfs.de/pawaks/

Bolesta, D., & Führer, J. L. (2022). Kriminalitätsfurcht und wahrgenommene Kriminalitätsentwicklung. In D. Bolesta, J. L. Führer, R. Bender, A. Bielejewski, & F. Asbrock (Hrsg.), Panel zur Wahrnehmung von Kriminalität und Straftäter:innen (PaWaKS): Erste Berichtsserie. Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen e.V. Online verfügbar unter: https://www.zkfs.de/pawaks/

Leitgöb-Guzy, N. & Bieber, I. (2026) Ergebnisse der Dunkelfeldstudie „Lebenssituation Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA)“. Bundeskriminalamt. https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/Publikationsreihen/Forschungsergebnisse/260210_LeSuBiA_Ergebnisse_I.html?nn=261272

Weber, K., Wagner, D., & Asbrock, F. (2025). Beeinflusst die Polizeiliche Kriminalstatistik die Wahrnehmung von Sicherheit und Bedrohung durch Geflüchtete und Migrant*innen? Magazin des Fachnetzwerks Sozialpsychologie zu Flucht und Integration. Online abrufbar unter https://www.fachnetzflucht.de/kriminalstatistik/

Fact of the Month: März 2026

Reduziert Videoüberwachung Kriminalität?

  • Videoüberwachung im öffentlichen Raum ist ein starker Eingriff in das Recht auf individuelle Freiheit.
  • Dem steht das Recht auf Sicherheit gegenüber.
  • Videoüberwachung wird besonders als Mittel der Abschreckung und Beweissicherung eingesetzt und unterbindet keine Straftaten im Moment.

Daher ist es wichtig abzuwägen und weiter zu evaluieren, wo und wie es zu Reduktionen der Kriminalität kommt und ob Bürger*innen sich sicherer fühlen und sich wieder vermehrt in Gegenden bewegen.

Was sagt die Forschung?

  • Es fehlen methodisch robuste Studien in Deutschland und es wurden keine bis moderate Effekte auf Deliktzahlen festgestellt.
  • Ergebnisse internationaler Studien fallen nicht einheitlich aus.
  • Meta-Studien zeigen, dass Videoüberwachung besonders bei Eigentumsdelikten helfen kann, etwa gegen Autodiebstahl auf Parkplätzen.
  • Weniger Wirksamkeit wurde bei Gewalt- und Drogendelikten festgestellt.

Effekte auf Kriminalitätsfurcht

  • Zu Beginn der Überwachung gibt es Reduktionseffekte.
    • nur wenn die Überwachung sichtbar ist
    • nur an Orten, an denen Kriminalität wahrgenommen wird (Hotspots)
    • es kann Gewöhnungseffekte geben

Literatur

  • Bjorklund, F. & Svenonius, O. (2012, Hrsg.) Video surveillance and social control in a comparative perspective. Routledge.
  • Bückung, H.-J. (2007, Hrsg.) Polizeiliche Videoüberwachung öffentlicher Räume. Duncker & Humblot GmbH.
  • Lauber, K, & Mühler, K. (2022). Steigert Videoüberwachung das Sicherheitsempfinden? Kriminologie – Das Online-Journal, 3/2022. https://doi.org/10.18716/ojs/krimoj/2022.3.4
  • Lösel, F., & Plankensteiner, B. (2005). Die Wirksamkeit der Videoüberwachung. Herausgegeben von der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention. CCJG-Review.
  • Piza, E.L., Welsh, B.C., Farrington, D.P. & Thomas, A.L. (2019). CCTV surveillance for crime prevention: a 40-year systematic review with meta-analysis. https://doi.org/10.1111/1745-9133.12419
  • Welsh, B.C. & Farrington, D.P. (2009). Making public place safer. Surveillance and crime prevention. Oxford University Press.

Redaktionelle Verantwortung: Frank Asbrock & Aaron Bielejewski

Fact of the Month: Februar 2026

Grenzen der Furcht: Der Einfluss von Grenznähe, Urbanität und politischer Einstellung auf personale Kriminalitätsfurcht

Die Bundesweiten Grenzkontrollen sollen laut Innenminister Dobrindt um weitere sechs Monate verlängert werden.

Durch diese bundesweiten Grenzkontrollen wird in der Gesellschaft stärker die Verbindung zwischen Kriminalität und den Grenzregionen gezogen. Sachsen ist in diese Diskussion durch seine zwei Ländergrenzen zu Tschechien und Polen involviert. Doch wie erleben Sachsen und Sächsinnen das Leben in Grenzregionen? Haben sie Angst vor mehr Kriminalität aufgrund ihrer Positionierung nahe der Grenze?

Deshalb ist es besonders relevant zu prüfen, ob Grenznähe tatsächlich mit erhöhter Kriminalitätsfurcht verbunden ist.

In dem neu erschienenen Buchkapitel „Grenzen der Furcht: Der Einfluss von Grenznähe, Urbanität und politischer Einstellung auf personale Kriminalitätsfurcht“ stellen sich die Autor:innen des ZKFS und der TU Chemnitz genau dieser Frage. Sie untersuchten, ob es einen Zusammenhang zwischen Kriminalitätsfurcht und Grenznähe gibt. Auch andere Faktoren, wie Urbanität der Region und politische Orientierung wurden analysiert. Sie konnten dabei die Daten einer Befragung des Sächsischen Instituts für Polizei- und Sicherheitsforschung „Sicherheit und Kriminalität in Sachsen (SKiSAX)“ aus dem Jahr 2022 nutzen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Nähe zur Grenze keinen Einfluss auf die Kriminalitätsfurcht hat. Auch die anderen Variablen, Urbanität und politische Orientierung, hatten in dieser Untersuchung keinen Einfluss auf die Kriminalitätsfurcht.

Kriminalitätsfurcht ist ein Mehrebenenkonstrukt und u.a. selektiv beeinflusst. Schon in einer früheren Untersuchung (Kriminalitätsfurcht und wahrgenommene Kriminalitätsentwicklung) konnte Forscherinnen des ZKFS zeigen, dass es keinen bedeutsamen Zusammenhang zwischen der subjektiven Kriminalitätsfurcht und der tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung gibt (Bolesta & Führer, 2022). Menschen schätzen häufig, dass die Kriminalität zugenommen hat, obwohl dies häufig nicht der Realität entspricht, wie die nachstehende Abbildung zeigt.

Die Mehrheit der Bevölkerung nimmt steigende Kriminalität wahr, obwohl objektive Daten überwiegend Rückgänge zeigen.

Auch wenn es immer wieder Schwankungen in Bezug auf Grenzkriminalität gibt, so ist die allgemeine Tendenz, dass sie rückläufig ist. Neben ausländerrechtlichen Verstößen handelt es sich bei den Delikten insbesondere um Diebstähle, Sachbeschädigungen, Betrugsdelikte und Körperverletzungen. Insgesamt zeigt sich, dass es sich häufig um volljährige deutsche Männer handelt, die Straftaten begehen (Goebel et al., 2023).

Auch wenn die untersuchten Variablen die Kriminalitätsfurcht der Bevölkerung nicht erklären konnte, so gibt es verschiedene Ansätze in der Forschung, um Kriminalitätsfurcht weiter zu untersuchen. Die Umgebung hat möglicherweise einen geringeren Einfluss auf Kriminalitätsfurcht als z.B. ökonomische Ängste es haben (Hirtenlehner et al., 2016). Andere individuelle Faktoren, wie z.B. Strafbedürfnis (Punitivität) oder Fremdheitsfeindlichkeit sind immer wieder Untersuchungsgegenstand anderer Forscher:innen (Groß et al., 2021).

Grenznähe erklärt Kriminalitätsfurcht nicht.

  • Bolesta, D., & Führer, J. L. (2022). Kriminalitätsfurcht und wahrgenommene Kriminalitätsentwicklung. In D. Bolesta, J. L. Führer, R. Bender, A. Bielejewski, & F. Asbrock (Hrsg.), Panel zur Wahrnehmung von Kriminalität und Straftäter:innen (PaWaKS): Erste Berichtsserie. Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen e.V. Online verfügbar unter: https://www.zkfs.de/pawaks/
  • Goebel, J., Ryschawy, J., Fleps, T. & Winkler, F. (2023). Erster Periodischer Sicherheitsbericht, 2017 bis 2021, Freistaat Sachsen. Sächsisches Staatsministerium des Innern sowie Sächsisches Staatsministerium der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung (Hrsg.), Dresden. https://www.smi.sachsen.de/download/PSB_Langversion.pdf
  • Hirtenlehner, H., Groß, E. & Meinert, J. (2016). Fremdenfeindlichkeit, Straflust und Furcht vor Kriminalität. Soziale Probleme, 27, S. 17–47. https://doi.org/10.1007/s41059-016-0014-3
  • Groß, E., Kemme, S., Häfele, J. & Bendler, J. (2024). Zur Struktur des Zusammenhangs von Kriminalitätsfurcht, Punitivität und Fremdenfeindlichkeit. In D. Wagner, J. L. Führer & F. Asbrock (Hrsg.), Von Kriminalitätsfurcht zu Feindesligkeit: Dynamiken der Kriminalitätswahrnehmung im politischen Kontext (S. 103–132). Nomos. https://doi.org/10.5771/97837489484
  • Tagesschau (2026, 16. Februar). Innenminister Dobrindt verlängert Grenzkontrollen. Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland. https://www.tagesschau.de/inland/dobrindt-grenzkontrollen-110.html
  • Weber, K., Wagner, D., Steinmetz, K., Führer, J., Pollmanns, C., Asbrock, F. (2026). Grenzen der Furcht: Der Einfluss von Grenznähe, Urbanität und politischer Einstellung auf personale Kriminalitätsfurcht. In R. Melcher, C. Meißelbach, B. Weßels (Hrsg.), Subjektive Sicherheit und politische Kultur. Wahlen und politische Einstellungen (S. 133–166). Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-49448-3_5

 

Redaktionelle Verantwortung: Kristin Weber, Deliah Wagner, Jennifer Führer & Frank Asbrock

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