Zentrum für Kriminologische Forschung Sachsen

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Fact of the Month: April 2026

Sexualisierte Gewalt: Was können und sollten wir wissen?

Sexualisierte Gewalt ist ein relevantes gesellschaftliches Problem. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS, 2024) zeigt, dass die registrierten Opferzahlen von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen sind. Dafür kommen verschiedene Erklärungen in Betracht:

  1. Eine gestiegene Anzeigebereitschaft von Betroffenen
  2. Gesetzesänderungen, die zu einer Ausweitung der erfassten Delikte führen (Insbesondere in den Jahren 2014 und 2021; siehe Abbildung 1)
  3. Eine tatsächliche Zunahme sexualisierter Gewalt

Abbildung 1. Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Daten aus der PKS 2024, Zeitreihentabelle „T91 Opfer bei Straftaten insgesamt“

Die in der PKS erfassten Fälle stellen jedoch nur die Spitze des Eisbergs dar und sind nicht geeignet, ein umfassendes Bild des tatsächlichen Ausmaßes zu zeichnen (Weber et al., 2025). Sie bilden das sogenannte Hellfeld ab, also die polizeilich registrierten Fälle. Die Erforschung des Dunkelfelds ist hingegen methodisch anspruchsvoll, da sie auf Befragungsdaten basiert, die ihrerseits selektiven Verzerrungen unterliegen. So können sich die Gründe für eine Nichtanzeige von Straftaten mit den Gründen überschneiden, warum Betroffene nicht an entsprechenden Studien teilnehmen oder Angaben verweigern.

Eine große repräsentative Studie des Bundeskriminalamts (LeSuBiA, Leitgöb-Guzy & Bieber, 2026) zeigt, dass nur ein geringer Anteil von Gewalttaten zur Anzeige gebracht wird. Sexuelle Übergriffe gegen Frauen werden demnach lediglich in etwa 3 % der Fälle angezeigt. Bei Männern liegt die Anzeigequote mit rund 14 % deutlich höher, allerdings sind sie insgesamt seltener von sexualisierter Gewalt betroffen. Was beachtet werden muss: Die Studie erfasst auch strafrechtlich nicht relevante Gewalt, was die Statistiken nicht eins zu eins vergleichbar mit der PKS macht. Die Daten spiegeln aber auch die Ergebnisse aus dem

Die Gründe für die niedrigen Anzeigequoten sind vielfältig. Die Täter:innen stammen häufig aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen. Scham- und Schuldgefühle, Abhängigkeitsverhältnisse (z. B. finanzieller oder emotionaler Art) sowie die Angst vor Eskalation oder vor negativen Konsequenzen für bestehende Beziehungen stellen weitere Hürden für eine Anzeige dar. Anzeigen erfolgen daher eher in schweren oder lebensbedrohlichen Fällen.

Personen, die selbst Gewalt erfahren (direkte Viktimisierung) oder in ihrem Umfeld davon hören (indirekte Viktimisierung), weisen häufig eine erhöhte Kriminalitätsfurcht auf. Dieser Zusammenhang ist bei sexuellem Missbrauch besonders ausgeprägt (Bolesta et al., 2022). Oft bleibt es auch nicht bei einer Einzelerfahrung: Betroffene erleben meist wiederholt Gewalt, teilweise auch in Form mehrerer Gewaltarten z.B. sexualisierte und psychische Gewalt (Leitgöb-Guzy & Bieber, 2026). Dies kann auch zur Folge haben, dass Personen mit direkter oder indirekter Viktimisierungserfahrung ein geringeres Vertrauen in Polizei und Justiz zeigen (Bender & Weber, 2023).

Quellen:

Bender, R. & Weber, K. (2023). Vorurteilskriminalität – Viktimisierung durch vorurteilsmotivierte Gewalt. In D. Bolesta, J. L. Führer, R. Bender, A. Bielejewski, A. Radewald, K. Weber & F. Asbrock (Hrsg.), Panel zur Wahrnehmung von Kriminalität und Straftäter:innen (PaWaKS): Zweite Berichtsserie. Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen e.V. Online verfügbar unter: https://www.zkfs.de/pawaks/

Bolesta, D., & Führer, J. L. (2022). Kriminalitätsfurcht und wahrgenommene Kriminalitätsentwicklung. In D. Bolesta, J. L. Führer, R. Bender, A. Bielejewski, & F. Asbrock (Hrsg.), Panel zur Wahrnehmung von Kriminalität und Straftäter:innen (PaWaKS): Erste Berichtsserie. Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen e.V. Online verfügbar unter: https://www.zkfs.de/pawaks/

Leitgöb-Guzy, N. & Bieber, I. (2026) Ergebnisse der Dunkelfeldstudie „Lebenssituation Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA)“. Bundeskriminalamt. https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/Publikationsreihen/Forschungsergebnisse/260210_LeSuBiA_Ergebnisse_I.html?nn=261272

Weber, K., Wagner, D., & Asbrock, F. (2025). Beeinflusst die Polizeiliche Kriminalstatistik die Wahrnehmung von Sicherheit und Bedrohung durch Geflüchtete und Migrant*innen? Magazin des Fachnetzwerks Sozialpsychologie zu Flucht und Integration. Online abrufbar unter https://www.fachnetzflucht.de/kriminalstatistik/