Beeinflussen Medien unser Sicherheitsgefühl stärker als reale Kriminalität? Verändert die Nennung der Nationalität eines Straftäters unsere Wahrnehmung von Kriminalität? Warum fordern Menschen nach bestimmten Medienberichten härtere Strafen? Wie beeinflusst die mediale Darstellung von Straftätern das Vertrauen in Polizei und Justiz?
Die mediale Berichterstattung beeinflusst die Wahrnehmung von Kriminalität und Straftäter:innen in der breiten Öffentlichkeit maßgeblich. Medien prägen unseren Blick auf Straftaten und wie wir diese interpretieren. Sie formen die Schlussfolgerungen, die wir über Täter:innen und Tatverdächtige sowie das Strafrechtsystem als Ganzes ziehen. Die Darstellung von Straftäter:innen in Nachrichtenartikeln oder Diskussionsforen kann somit nicht nur bestehende Stereotype verstärken, sondern auch Einstellungen zu Strafe und Strafgerechtigkeit beeinflussen.
Um diese Fragestellung von verschiedenen Perspektiven betrachten zu können, umfasst das vorliegende Forschungsvorhaben zwei Teilprojekte. Das erste Teilprojekt untersucht, wie mediale Darstellungen von Straftäter:innen die Wahrnehmung der Öffentlichkeit prägen und welche Konsequenzen dies für punitive Einstellungen und das Vertrauen in die Strafjustiz hat. Durch eine korrelative und experimentelle Analyse soll beurteilt werden, welche Rolle soziale und strukturelle Faktoren spielen und inwiefern diese Faktoren Emotionen, Wahrnehmungen und daraus resultierende Verhaltensweisen sowie Einstellungen beeinflussen.
Das zweite Teilprojekt konzentriert sich auf die unmittelbare Wirkung von Tätermerkmalen auf Bedrohungswahrnehmungen und punitives Verhalten. Es kombiniert eine experimentelle Studie mit einer maschinellen Analyse von Online-Kommentarspalten von Kriminalitätsberichterstattungen, um zu untersuchen, wie sich unterschiedliche Täterbeschreibungen auf die Wahrnehmung von Bedrohung und Strafbedürfnisse auswirken.
Teilprojekt I
Gesellschaftliche Einstellungen zu Straftäter:innen beruhen nicht nur auf Fakten, sondern werden stark durch Medien geprägt. Vergangene Forschung konnte zeigen, dass mediale Darstellungen die Einstellungen gegenüber Straftäter:innen signifikant beeinflussen können, während unsere Wahrnehmung von Kriminalität und Straftäter:innen wiederum mit unserem Vertrauen in Staat und Strafjustiz interagiert.
Entscheidend ist hierbei nicht nur was in den Medien berichtet wird, sondern auch wie: Die Wortwahl, Beschreibungen der Täter:innen und der Tat sowie die Wahl visueller Darstellungen können beeinflussen, wie die Öffentlichkeit Straftäter:innen wahrnimmt. Doch wie genau prägen diese medialen Darstellungen unser Bild von einem Straftäter? Warum haben sie so eine starke Wirkung? Welche Bilder verfestigen sich in den Köpfen der Menschen und mit welchen Folgen für punitive Einstellungen und das Vertrauen in die Strafjustiz? Diese Fragen sind bislang nur unzureichend untersucht worden. Ziel dieses Teilprojektes soll es daher sein, die grundlegenden Mechanismen zu verstehen, welche die Wahrnehmung von Straftäter:innen beeinflussen und somit auch bei medialen Darstellungen eine entscheidende Rolle spielen.
Teilprojekt II
Was wir über Kriminalität, Straftäter und unsere eigene Sicherheit denken, hängt stark von der medialen Berichterstattung ab. Medien entscheiden nicht nur, welche Straftaten große Aufmerksamkeit bekommen – sie beeinflussen auch, wie wir Täterinnen und Täter wahrnehmen. Begriffe, Bilder und bestimmte Informationen können unser Sicherheitsgefühl, unser Bedrohungsempfinden und sogar unsere Forderungen nach härteren Strafen prägen.
Besonders umstritten ist die Frage, ob in der Kriminalitätsberichterstattung die Nationalität von Tatverdächtigen genannt wird. Studien zeigen, dass die Herkunft von Beschuldigten in den letzten Jahren häufiger hervorgehoben wird – vor allem, wenn es sich um nicht-deutsche Personen handelt. Dadurch kann der Eindruck entstehen, es gebe einen engen Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität. Empirische Untersuchungen, unter anderem des ifo Instituts, finden jedoch keinen systematischen Beleg dafür.
Diese Lücke zwischen medialer Wahrnehmung und statistischer Realität wirft wichtige Fragen auf: Verzerren bestimmte Darstellungen unser Bild von Kriminalität? Verstärken sie stereotype Vorstellungen? Und wie wirkt sich das auf unser Vertrauen in Polizei, Justiz und Rechtsstaat aus? Eine differenzierte Analyse der medialen Darstellung von Straftätern ist daher zentral. Sie hilft zu verstehen, wann Berichterstattung unbegründete Ängste verstärkt – und wann sie zur sachlichen Einordnung tatsächlicher Sicherheitsrisiken beiträgt.
Dieses Teilprojekt analysiert, wie die Nennung der Täter-Nationalität in Kriminalitätsberichten unterschiedliche Bedrohungstypen aktiviert und wie sich dies auf punitive Einstellungen auswirkt. Besonders im Fokus steht die Unterscheidung zwischen realistischer Bedrohung, die sich auf physische Gefahren bezieht, und symbolischer Bedrohung, die als Bedrohung gesellschaftlicher Werte und Normen empfunden wird.
Projektleitung: Dr. Deliah Wagner & Annalena Oehme