Welche Rolle spielen moderne Medien in Gefängnissen? Haben Gefangene Zugriff auf Zeitungen, Fernseher oder digitale Angebote – und wie wird entschieden, welche Medien erlaubt oder verboten werden? Wie kommunizieren Gefangene mit der Außenwelt, und welche Bedeutung messen sie den vorhandenen Kommunikationsformen im Alltag zu?
Die Innenwelt des Gefängnisses bleibt der Öffentlichkeit weitgehend verborgen. Die verfügbaren Bilder stammen meist aus dramatisierten Popkultur-Darstellungen oder aus Nachrichtenberichten, die sich auf spektakuläre Einzelfälle konzentrieren. Doch für die Gefangenen selbst bilden Medien – von Briefpost über Fernsehen bis hin zu neuen digitalen Angeboten – einen zentralen Bestandteil ihres Alltags, ihrer Orientierung und ihrer Beziehungen nach außen. Medien sind nicht nur technische Ressourcen, sondern prägen Routinen, Identitäten und soziale Aushandlungsprozesse innerhalb der Haft.
Das Projekt „Strafvollzug und Medien: ‚Totale Institutionen‘ in der Massenmediengesellschaft“ untersucht diese Fragen aus einer soziologischen und kriminologischen Perspektive, mit besonderem Fokus auf die gelebte Erfahrung der Gefangenen. Analysiert werden sowohl klassische Medienformen (Zeitungen, Radio, Fernsehen, Briefpost) als auch neuere Kommunikationsmöglichkeiten wie Videochat, Informationsterminals oder das E-Learning-System elis. Das Projekt geht der Frage nach, wie Gefangene Medien in ihren Alltag integrieren, welche Chancen und Einschränkungen ihnen begegnen, und wie sich die Kluft zwischen digitaler Außenwelt und analog geprägtem Vollzugsalltag auf ihre Resozialisierung auswirkt.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt zudem auf von Gefangenen selbst produzierten Medien – insbesondere Gefängniszeitungen wie HaftLeben – als Formen des Selbstausdrucks, der Informationsweitergabe und der Aushandlung von institutionellen Regeln. Das Projekt zeigt, wie Medien im Gefängnis sowohl individuelle Strategien der Bewältigung als auch kollektive Kommunikationsformen ermöglichen und wie sich institutionelle Strukturen, Ressourcen und technologische Entwicklungen in den gelebten Medienpraktiken widerspiegeln.
Projektlaufzeit:
Das Projekt wurde 2021 konzipiert, 2022 vollständig gestartet und im Dezember 2023 abgeschlossen.
Methodisches Vorgehen:
Im Mittelpunkt standen drei zentrale Elemente:
Narrative Interviews mit inhaftierten Personen, ergänzt durch Gespräche mit Bediensteten, Ehrenamtlichen und anderen relevanten Akteur:innen.
Teilnehmende Beobachtung medienbezogener Aktivitäten, insbesondere der Redaktionsarbeit der Gefangenenzeitungen HaftLeben (JVA Chemnitz) und Der Riegel (JVA Dresden).
Dokumentenanalyse von Hausordnungen, Informationsmaterialien, Medienbeständen und von Gefangenen produzierten Publikationen.
Während der Feldforschung zeigte sich, dass Mediennutzung im Strafvollzug stark von Alltagsroutinen, informellen Regeln, Ressourcenungleichheiten und individuellen Strategien geprägt ist. Dadurch verschob sich der Projektfokus im Vergleich zur ursprünglichen Planung stärker auf die gelebten Praktiken, die Aushandlungsprozesse zwischen Gefangenen und Institution sowie die symbolische Bedeutung von Medien für Verbundenheit, Identität und Selbstbestimmung.
Der Projektablauf spiegelt diese Entwicklung wider: von einer theoretisch orientierten Fragestellung hin zu einer empirisch dichten Untersuchung der Medienlandschaft, wie sie von den Inhaftierten erfahren, genutzt und interpretiert wird.
Veroffentlichungen:
Bielejewski, A. (2025). Media and Identity Dynamics in German Prisons: A Study of Lived Experience and “Exogration”. In: Dum, C.P., Fader, J.J., LeBel, T.P. & Wright, K.A. (eds.) Handbook on Lived Experience in the Justice System. New York: Routledge.
Bielejewski, A. (2024). Strafvollzug, Medien, und institutionelle Logik: Ein Praxisbericht. Kriminologisches Journal, 56(3), 233-243. https://doi.org/10.3262/KJ2403233
Bielejewski, A. (2024). Worte für eine geschlossene Gesellschaft. Die Rolle von Gefangenenzeitungen am Beispiel von HaftLeben. Indes – Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, 11(4), 27- 41. https://doi.org/10.13109/inde.2024.11.4.27
Bielejewski, A. (2023). In gezwungener Gesellschaft: Medien, Zusammenhalt und Identität in der Justizvollzugsanstalt. In T. Bliesner, L. Deyerling, A. Dreißigacker, I. Henningsmeier, M. Neumann, J. Schemmel, C.P. Schröder & L. Treskow (Hrsg.) Kriminalität und Kriminologie im Zeitalter der Digitalisierung, Mönchengladbach: Forum Verlag Godesberg.
Vorträge:
06.08.2025. Aaron Bielejewski, Vortrag: „A World of Pure Imagination? Set, Setting, and Media Use in German Prison“, Society for the Study of Symbolic Interaction Annual Meeting, Chicago, USA.
12.07.2024. Aaron Bielejewski, Vortrag: „No place like home: exploring media use, prisonization, and identity in prison“, Tagung der British Society of Criminology, Glasgow, UK.
20.06.2024. Aaron Bielejewski, Vortag: „Gefängnis-Ethnografie?, oder: wie ich lernte, nichts von Kommunikation zu verstehen – Medien, Kommunikation, und Forschung als Außenseiter im Strafvollzug“, 9. Feldarbeitstage, Dortmund.
07.06.2024. Aaron Bielejewski, Vortrag: „No bars, no boundaries? Media as home in the prison experience“, Tagung der Society for the Study of Symbolic Interaction (SSSI), Pisa, Italien.
17.07.2023. Aaron Bielejewski, Vortrag: „Narrative von Geschlecht und Identität hinter Gittern: Gefängnis-Zeitungen als Ausdrucks-Medien“, Symposium „Gender & Marginalization / Geschlecht und Marginalisierung“, Siegen.
06.07.2023. Aaron Bielejewski, Vortrag: „Please stand clear of the closing door: Access, media, and the control of space in a women’s prison in Germany“, Tagung der Society for the Study of Social Interaction (SSSI), Cardiff, UK.
06.11.2022. Aaron Bielejewski, Vortrag/Workshop: „Wires through walls: media in and out of prisons“, Tagung „Build Peace“, Chemnitz.
08.09.2022. Aaron Bielejewski, Vortrag: „In gezwungener Gesellschaft: Medien, Zusammenhalt und Konflikt in der Justizvollzugsanstalt“, 17. Wissenschaftliche Fachtagung der Kriminologischen Gesellschaft, Hannover.
Abschlussbericht:
Der Abschlussbericht fasst die zentralen Ergebnisse des Projekts zusammen und bietet eine empirisch fundierte Analyse der Medienpraxis, Kommunikation und digitalen Infrastruktur im sächsischen Strafvollzug – basierend auf Interviews und einjähriger ethnographischer Feldforschung.
Projetkleitung: Dr. Aaron Bielejewski