Zentrum für Kriminologische Forschung Sachsen

Projekte

Das ZKFS bekennt sich zu den Grundsätzen der Open Science und versucht, wo möglich, mit höchster Transparenz in Bezug auf die Bereitstellung von frei zugänglichen Forschungsergebnissen, Daten und Forschungsmaterialien zu arbeiten. Dies stärkt die Verlässlichkeit der Wissenschaft und ihren Nutzen für die Gesellschaft.

Stigmatisierung und Sexarbeit

Sexarbeit ist in Deutschland seit 2002 legal und wurde mit dem Prostituiertenschutzgesetz 2017 (ProstSchG) weiter reguliert. Ziel dieser Regulierung war es, die Rechte und die Selbstbestimmung von Sexarbeiterinnen zu stärken und den Schutz vor Ausbeutung und Gewalt zu verbessern. Trotz der rechtlichen Anerkennung von Sexarbeit in Deutschland bleiben öffentliche und politische Debatten stark polarisiert, insbesondere im Hinblick auf die wiederkehrenden Forderungen nach einer Kriminalisierung des Kaufs sexueller Dienstleistungen (Drucksache 20/10384, 2024; Hill & Bibbert, 2019). Diese anhaltende Kontroverse verweist auf ein Spannungsverhältnis zwischen formaler Regulierung und gesellschaftlicher Akzeptanz und unterstreicht zugleich die Bedeutung gesellschaftlicher Einstellungen gegenüber Sexarbeit für die Ausgestaltung sozialer Normen, die Formierung politischer Präferenzen sowie die Reproduktion oder Reduktion einer Stigmatisierung (Benoit et al., 2018; Megías et al., 2025).

Sexarbeiter:innen sind auch in legalisierten Kontexten einer Stigmatisierung ausgesetzt (Armstrong, 2024; Deutsche Aidshilfe, 2024; Molnar & Aebi, 2023; Prostituiertenschutzgesetz Evaluation | Bundesregierung, 2025). Diese kann sich sowohl auf interaktioneller Ebene im Sinne von Goffman (1963) als auch strukturell, eingebettet in institutionelle und politische Rahmenbedingungen, manifestieren (Link & Phelan, 2001). Die Kriminalisierung oder partielle Kriminalisierung von Sexarbeit verschärft diese Prozesse, indem sie den Zugang zu Gesundheits- und Sozialleistungen einschränkt, soziale Marginalisierung verstärkt und die Vulnerabilität gegenüber Gewalt erhöht (Armstrong, 2024; Benoit et al., 2017; Krüsi et al., 2014; Platt et al., 2018; Struyf, 2023).

Obwohl der Beruf der Sexarbeit aufgrund der aktuellen Rechtslage nicht als kriminell angesehen werden kann, ergeben sich dennoch relevante Fragestellungen für die Kriminologie, die es zu beantworten gilt (Steffan et al., 2023).

Projektablauf

Wie nimmt die deutsche Bevölkerung Sexarbeit wahr und wie wird das Sexkaufverbotet bewertet?

Ziel des ersten Teilprojektes ist es, einerseits die gesellschaftlichen Einstellungen hinsichtlich Sexarbeit und Sexarbeiter:innen in Zusammenhang mit Prädiktoren, wie des Geschlechts, die Akzeptanz von Mythen über sexuelle Aggressionen (Bohner et al., 2022), rechtsgerichteter Autoritarismus (Beierlein et al., 2015) und des Kontaktes zu Sexarbeiter:innen bzw. der Inanspruchnahme oder des Angebots sexueller Dienstleistungen zu analysieren. Zudem wird untersucht, ob sich die Einstellungen, gemessen mit der Attitudes towards Prostitution and Prostitutes Scale (APPS, Levin & Peled, 2011), in Abhängigkeit von der verwendeten Begrifflichkeit („Sexarbeit“ vs. „Prostitution“) unterscheiden (Hansen & Johansson, 2023; Stenersen et al., 2023). Weiter wird untersucht, inwiefern die gesellschaftlichen Einstellungen im Zusammenhang mit der Bewertung rechtlicher Regulierungsmöglichkeiten in Europa, wie die des Sexkaufverbotes, stehen. Daten für dieses Vorhaben wurden im HaSteX Survey (Hasskriminalität, Strafvollzug und Sexarbeit) erhoben.

Was ist unter einer Stigmatisierung von Sexarbeit konkret zu verstehen und wie erleben Sexarbeiter:innen diese?

Das zweite Teilprojekt untersucht, inwiefern Sexarbeiter:innen selbst eine Stigmatisierung erleben. Dies betrifft unter anderem die konkrete Ausgestaltung, die Wirkungsweise und die Handhabung einer Stigmatisierung. Weiter besteht die Frage nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten hinsichtlich des Erlebens, wenn die verschiedenen Tätigkeitsbereiche von Personen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, berücksichtigt werden. Auch die Ausgestaltung des eventuellen Kontakts zu Institutionen, wie Polizei und Justiz, sowie Haltungen zu der Diskussion um das Sexkaufverbot sollen eruiert werden. Dabei werden Interviews mit Sexarbeiter:innen unterschiedlichen Geschlechts und unterschiedlichen Tätigkeitsorten geführt.

Veröffentlichungen und Vorträge

Am 14.11- 16.11. 2025 fand der 11. Interdisziplinärer Workshop Kritische Sexarbeitsforschung der Gesellschaft für Sexarbeits- und Prostitutionsforschung in Wien statt, wo ein Vortrag mit dem Titel „Sexarbeit und Stigmatisierung in Deutschland – Querschnittsstudie zu Einstellungen gegenüber Sexarbeit und zur Bewertung des Nordischen Modells“ gehalten wurde.

Am 03.09-06.09.2026 fand die jährliche EuroCrim, mit dem Titel „25th Annual Conference of the European Society of Criminology” in Athen statt, in dessen Rahmen ein Vortrag mit dem Titel „Sex work and Stigmatization in Germany – Cross-sectional study on attitudes toward sex work and the evaluation of the sex work purchase ban” vorgestellt wurde.

Projektleitung: Anika Radewald

Referenzen

Armstrong, L. (2024). “In an ideal world, it would be fully decriminalised”: Stigma, discrimination, and sex work laws in Scotland, Aotearoa New Zealand, and the Republic of Ireland.
Beierlein, C., Asbrock, F., Kauff, M., & Schmidt, P. (2015). Kurzskala Autoritarismus (KSA-3). Zusammenstellung sozialwissenschaftlicher Items und Skalen (ZIS). https://doi.org/10.6102/ZIS228
Benoit, C., Jansson, M., Smith, M., & Flagg, J. (2017). “Well, It Should Be Changed for One, Because It’s Our Bodies”: Sex Workers’ Views on Canada’s Punitive Approach towards Sex Work. Social Sciences, 6(2), 52. https://doi.org/10.3390/socsci6020052
Benoit, C., Jansson, S. M., Smith, M., & Flagg, J. (2018). Prostitution Stigma and Its Effect on the Working Conditions, Personal Lives, and Health of Sex Workers. The Journal of Sex Research, 55(4–5), 457–471. https://doi.org/10.1080/00224499.2017.1393652
Bohner, G., Eyssel, F., & Süssenbach, P. (2022). Modern myths about sexual aggression: New methods and findings. Rape, 159–172.
Deutsche Aidshilfe. (2024). Was brauchen Sexarbeiter*innen? Forschungsbericht zum Projekt »Sexuelle Gesundheit und HIV/STI- Präventionsstrategien und -bedarfe von Sexarbeitenden«.
Drucksache 20/10384 (Menschenunwürdige Zustände in der Prostitution beenden – Sexkauf bestrafen). (2024). https://dserver.bundestag.de/btd/20/103/2010384.pdf
Goffman, E. (1963). Stigma. Notes on the management of spoiled identity.
Hansen, M. A., & Johansson, I. (2023). Asking About “Prostitution”, “Sex Work” and “Transactional Sex”: Question Wording and Attitudes Toward Trading Sexual Services. The Journal of Sex Research, 60(1), 153–164. https://doi.org/10.1080/00224499.2022.2130859
Hill, E., & Bibbert, M. (2019). Zur Regulierung der Prostitution: Eine diskursanalytische Betrachtung des Prostituiertenschutzgesetzes. Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-26929-6
Krüsi, A., Pacey, K., Bird, L., Taylor, C., Chettiar, J., Allan, S., Bennett, D., Montaner, J. S., Kerr, T., & Shannon, K. (2014). Criminalisation of clients: Reproducing vulnerabilities for violence and poor health among street-based sex workers in Canada—a qualitative study. BMJ Open, 4(6), e005191. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2014-005191
Levin, L., & Peled, E. (2011). The Attitudes Toward Prostitutes and Prostitution Scale: A New Tool for Measuring Public Attitudes Toward Prostitutes and Prostitution. Research on Social Work Practice, 21(5), 582–593. https://doi.org/10.1177/1049731511406451
Link, B. G., & Phelan, J. C. (2001). Conceptualizing Stigma. Annual Review of Sociology, 27(1), 363–385. https://doi.org/10.1146/annurev.soc.27.1.363
Megías, J. L., Thon, P., Siebler, F., & Bohner, G. (2025). Attitudes Toward Prostitution in Norway, Spain, and Germany: Association With the Legal Context and Susceptibility to Persuasion. Scandinavian Journal of Psychology, 66(2), 253–265. https://doi.org/10.1111/sjop.13082
Molnar, L., & Aebi, M. F. (2023). Risky business: Voluntary sex workers as suitable victims of work-related crimes in a legalised prostitution environment. Crime Prevention and Community Safety, 25(2), 204–222. https://doi.org/10.1057/s41300-023-00173-5
Platt, L., Grenfell, P., Meiksin, R., Elmes, J., Sherman, S. G., Sanders, T., Mwangi, P., & Crago, A.-L. (2018). Associations between sex work laws and sex workers’ health: A systematic review and meta-analysis of quantitative and qualitative studies. PLOS Medicine, 15(12), e1002680. https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1002680
Prostituiertenschutzgesetz Evaluation | Bundesregierung. (2025, Juni 24). Publikationsportal. https://www.publikationen-bundesregierung.de/pp-de/publikationssuche/prostituiertenschutzgesetz-2356220
Steffan, C., Weinand, M., & Brettel, H. (2023). Prostitution und Kriminologie. Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, 17(3), 267–274. https://doi.org/10.1007/s11757-023-00789-1
Stenersen, M., Pederson, A. C., Domínguez, S., & Bridges, S. (2023). “Please Describe a Person who Sells Sex”: (De)humanizing Prototypic Perceptions in the USA. Sexuality Research and Social Policy. https://doi.org/10.1007/s13178-023-00845-9
Struyf, P. (2023). To Report or Not to Report? A Systematic Review of Sex Workers’ Willingness to Report Violence and Victimization to Police. Trauma, Violence, & Abuse, 24(5), 3065–3077. https://doi.org/10.1177/15248380221122819